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Sebastian Holecek - UNISONO.co.at

Zur Person

Von Vätern und Söhnen

Als der berühmte deutsche Bassbariton Hans Hotter (Anm. d. Red.: Er war zu dieser Zeit bereits längst im Ruhestand.) eines Tages beim Portier in der Bayerischen Staatsoper in München vorstellig wurde, um dort seine Post abzuholen, blickte ihn ein offensichtlich neuer Portier nur an und fragte: „Name?“ Der Künstler entgegnete: „Hotter!“ Der Portier weiter: „Vorname?“ Daraufhin polterte der sichtlich verärgerte Hotter nur: „Aber lecken sie mich doch …!“

Es sind solche Anekdoten, die
Sebastian Holecek einfallen, wenn ich ihn nahezu obligatorisch nach seinen und seines Vaters Erinnerungen frage. Der Sänger kommt gerade von den Proben zu „Wagners RING an einem Abend“ und das Interview, oder vielleicht sollte ich sagen das Festival der Bonmonts und flotten Sprüche, kann beginnen. Auf meine Frage nach seinem Geburtsdatum (Anm. d. Red.: Das wird hier nicht verraten!), lacht der Künstler schallend auf und meint dazu nur: „Also ich bin mir ziemlich sicher, dass die ganzen Sopranistinnen mit denen sie ein Interview machen, sie um mindesten fünf Jahre anlügen. Und dann verbieten sie ihnen wahrscheinlich noch, dass sie dieses falsche Datum schreiben.“ Eine Mutmaßung, welche Holecek mit einem breiten Grinsen und einem Augenzwinkern kommuniziert.

Zum Musiktheater und zur Oper hat Holecek ein ganz besonderes Verhältnis. Erste Berührungspunkte gehen bis in die früheste Kindheit zurück. So versteckte sich der kleine Sebastian hinter dem Bein seines Vaters, als ihm dieser während einer Pause den Charakter-Tenor Gerhard Stolze vorstellen wollte. Als „Stehplatzler“ besuchte Sebastian Holecek im Alter zwischen 15 und 16 Jahren dann regelmäßig die Wiener Staatsoper. Der laut Eigendefinition mittelmäßige Schüler (Anm.: Mathematik war nicht das Seine.), begann dann im Gymnasium mit Chorgesang. Dort grölten Holecek und ein anderer Schüler in der letzten Reihe lautstark mit. „Das wird euch noch bitter zu stehen kommen“, drohte die Lehrerin von Holecek, und ließ den Störenfried daraufhin ein Solo singen.

Was der spätere Star-Bariton damals nicht wusste war, dass sein Vater Heinz Holecek mit seinen Freunden Oskar Czerwenka und Eberhard Waechter angerückt war. Dies freilich im Verborgenen! So hörten diese dem Solo des Holecek-Spösslings zu. Es war eine Arie aus Peter Carl August Cornelius‘ Oper „Der Barbier von Bagdad“. Da er nur diese eine Arie vorsingen konnte, musste Sebastian Holecek sie noch ein zweites Mal singen. Sein Vater beichtete Sebastian danach, dass Czerwenka und Waechter zuhörten. Deren Resümee: ‚Er hat zwar eine Stimme, kann nur überhaupt nicht singen. Aber er hat eine große Präsenz. Er gehört auf die Bühne!‘ Und so begab es sich, dass Holecek in die Fußstapfen seines Vaters trat, und nach der Matura ein Studium an der Musikhochschule Wien absolvierte.

Parallel zu seinem Studium gastierte der Künstler bereits in den Niederlanden, Deutschland, der Schweiz und Österreich, bevor er 1990/91 ein Engagement am Münchener Gärtnerplatztheater annahm. Sein Können stellte Holecek dort unter anderem mit dem „Figaro“ in Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“ unter Beweis. An der Wiener Volksoper debütierte er 1990 als „Papageno“ in Mozarts „Zauberflöte“. Debüt an der Wiener Staatsoper feierte ein Jahr später in derselben Rolle, welche er dann dort gezählte 30 Mal sang. Neben unzähligen internationalen Gastspielen, unter anderem an der Berliner Staatsoper, in Düsseldorf, St. Gallen, New York oder Kapstadt, bestritt der Künstler auch Auftritte bei Konzerten im Musikverein Wien oder dem Konzerthaus. Regelrechte Konzertreisen führten den einstigen Sprintmeister im 60-Meter-Laufen auch noch an die berühmte New Yorker Carnegie Hall, Toronto und Vilnius.

Das Rollen-Spektrum an der Volksoper Wien, der Holecek seit der Saison 2006/2007 als fixes Ensemblemitglied angehört, könnte nicht umfassender sein. Ob als „Danilo“ in Lehárs „Lustiger Witwe“, als „Graf Peter Homonay“ im „Zigeunerbaron“, als „Peter“ in Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“, als „Kaspar“ in Carl Maria von Webers romantischer Oper „Der Freischütz“, als „Scarpia“ in Giacomo Puccinis Oper „Tosca“, als „Escamillo“ in Georges Bizets Oper „Carmen“, als „Johannes Freudhofer“ in Wilhelm Kienzls Oper „Der Evangelimann“, als „Jochanaan“ in der Richard-Strauss-Oper „Salome“ (Anm. d. Red.: Eine künstlerische Glanzleistung!) und selbstverständlich auch als „Eisenstein“ in der Operette „Die Fledermaus“, zieht der charismatische Sänger das Publikum gesanglich und darstellerisch in seinen Bann.

Nach dieser schier endlosen Aufzählung der Partien von Holecek, erinnere ich mich aber gleich wieder an einen Spruch von ihm selbst:
„A bisserl was anführen, was ich schon alles g’sungen hab, müss‘ ma schon! Aber viel interessanter sind die vielen Geschichten, die ich über meinen Vater, aber auch über meine Erlebnisse zu erzählen weiß!“ Sprach er’s und legt auch gleich los: „Hab ich Ihnen eigentlich schon die G’schicht‘ von da „Kreuzotti“ erzählt?“

Die Kreuzotter (Vipera berus) ist eine kleine bis mittelgroße Giftschlange aus der Familie der Vipern (Viperidae) Eurasiens (Anm. d. Red.: God bless Wikipedia!). Nach diesem kurzen Ausflug in die Welt von Universum, Terra Mater & Co., setzt Holecek seine Erzählungen fort: „Als ich meinen ersten „Eisenstein“ in der „Fledermaus“ in Wien zu singen hatte, hab ich die Renée Schenk (Anm. d. Red.: Ehefrau von Otto Schenk, Regisseur und Schauspieler.) angerufen. Spitzname: „Kreuzotti“. Ich bat sie via Telefon doch bei ihrem Mann einen Termin auszumachen, da dieser die Operette „Die Fledermaus“ kennt, wie kein anderer. Trotz der Kurzfristigkeit des Terminansuchens, gewährte mir Schenk die Möglichkeit eines gemeinsamen Besprechens meiner bevorstehenden Rolle. ‚Zwölf Uhr! Aber nicht „Holecek-Zeit“ sondern pünktlich um zwölf und nur zwei Stunden‘, bestellte mir Renée Schenk und knallte den Hörer in die Telefongabel, bevor ich um die genaue Wohnadresse fragen konnte.

Als ich dann bei Schenks vorstellig wurde, und dies zur Überraschung von Schenks Gattin pünktlich, ging Otto die Partie Punkt für Punkt mit mir durch, und rutschte dabei aus seinem Lehnstuhl flach auf den Fußboden. Beide auf dem Boden liegend spielte mit mir Schenk seine Regieanweisungen durch, und ich stenografierte quasi alles mit. Exakt zwei Stunden später wollte mich Schenks Frau auch schon hinauskomplimentieren. Schenk daraufhin zu seiner Frau: ‚Lass ihn! Der is guat!‘

Da durch meine Einsatzbereitschaft das Eis zwischen uns gebrochen war, lud mich der Regie-Altmeister zum Essen ein. Das unter heftigen Protest seiner Gattin Renée. ‚Jetzt frisst er uns die ganze Gänseleber weg‘, giftete die „Kreuzotti“. Dies ließ Otto Schenk aber völlig kalt. Statt heim zu gehen, musste ich für Schenk auch noch den Lohner (Anm. d. Red.: Helmuth Lohner, Schauspieler.) imitieren, weil Otto Schenk auf den gerade böse war.“

Generell hat Holecek zur
„Fledermaus“ eine ganz innige Beziehung. Er liebt die berühmte Fernseh-Inszenierung von Otto Schenk (1972), begeistert sich für die von seinem Vater Heinz an ihn vermittelte Liebe zum Detail und definiert die Rolle des „Dr. Falke“ als verdeckten Drahtzieher. Gegen das moderne Regie-Theater hat Holecek nichts einzuwenden, solange man die Demut vor dem Stück und dem Komponisten nicht vermissen lässt. Zuwiderhandeln entlockt dem Sänger dann schon auch einmal etwas markigere Worte: „Manche Regisseure gehören schon mit ihrem eigenen Regie-Büchel erschlagen!“

Während einer kleinen Pause, beobachte ich den Künstler und stelle für mich die große Ähnlichkeit zu seinem Vater Heinz fest. Das kleine Bistro, in welchem wir das Gespräch führen, verleitet den bekennenden Heurigen-Fan sich als Genießer zu outen: „Ich bin den schönen Dingen des Lebens nicht abhold!“ Holecek fühlt sich wohl! Er beginnt wieder zu philosophieren. Über seinen Vater, der letztes Jahr verstorben ist und eine merkbare Lücke im Leben der gesamten Familie hinterlassen hat. Und seine Mutter, welche für seinen Vater und ihn selbst eine große Stütze war und ist.

„Ich kenne keinen Menschen auf der Welt, der sich so über den Erfolg eines anderen freuen konnte, wie mein Vater! Ich erzähle ihnen das, weil er mir wichtig ist! Bei uns zuhause ist es zugegangen! Da waren unzählige große Künstler zu Gast. Von Cesare Siepi (Anm. d. Red.: Berühmter italienischer Bassist.), über Franco Zeffirelli (Anm. d. Red.: Italienischer Film-, Theater- und Opernregisseur.) bis hin zur Regie-Legende Luchino Visconti, waren bei uns zu Besuch. Wobei mein Vater nicht nur temporäre Freundschaften hatte!“

Auf meine Frage, ob denn auch mal der Haussegen schief hing, entgegnet mir Sebastian Holecek nur: „Na freilich hatten wir auch Meinungsverschiedenheiten. Aber über allem spannte sich ein großes Band der Liebe! Auch in meiner Kindheit - das ist jetzt a bissel a Zeitsprung, das müssen’s dann halt a bissel umarbeiten - war nicht alles ohne Probleme. Überhaupt haben mir meine Eltern eine lange Leine gelassen. Ich hab die halt nur immer zusätzlich verlängert!“

Selbst hat der Künstler zwei Kinder und ist in einer eheähnlichen Beziehung mit einer Kinderärztin vom AKH Wien (Allgemeines Krankenhaus). Tochter Jamileh aus einer früheren Begegnung mit einer Frau
(Noëmi Nadelmann, schweizerische Opernsängerin) ist Bühnenbildnerin. Sohn Nicholas (9 Jahre) aus der derzeitigen Partnerschaft ist bereits Statist im Kinderchor der Volksoper. Also ein eindeutiges Operngen. Aber wie verhält es sich mit dem legendären Imitieren? War doch Vater Heinz Holecek einer der begnadetsten Parodisten. Auch da gehen Vater und Sohn Holecek (Heinz und Sebastian Holecek) vergleichbare Wege. Während der Vater Politiker, Wissenschafter, Fernsehsprecher oder Show-Stars, wie Peter Alexander oder Gilbert Bécaud imitieren konnte, parodiert Sohn Sebastian heimische Prominente, wie Otto Schenk, Helmuth Lohner oder einen hier nicht mehr näher erwähnten Ex-Staatsopern-Direktor. Na ja, den „Holländer“ (Anm. d. Red.: „Der Fliegende Holländer“, Oper von Richard Wagner.) schaut und hört man sich besser im Original an! Außerdem hat er ihn ohnehin schon so oft nachgemacht!

Ebenfalls erblich belastet ist Holecek mit seiner Leidenschaft für den SK Rapid. Schon sein Vater Heinz war ein begeisterter Anhänger des, wie Sebastian Holecek selbst sagt, Kultclubs. Wen wundert es da, wenn plötzlich von grünweißem Blut oder intravenöser Verabreichung die Rede ist? Und so geht auch die mittlerweile dritte Generation der Holecek-Männer zu den Spielen dieses legendären Vereines.

Die Zeit vergeht rasend schnell, und der Sänger mit dem unverwechselbaren Lachen seines Vaters, könnte noch unendlich viele Geschichten, wie sie das Leben nicht besser schreiben würde, erzählen. Es ist fast so, als ob ich mit zwei Holeceks das Interview führen würde. Das war ja auch mal so geplant gewesen, bevor der große Chefredakteur im Himmel die Deadline gesetzt hat. Nun hat sein Sohn Sebastian das stellvertretend getan, wozu dem Vater Heinz keine Zeit mehr blieb.
(pa)

Beitrag: Spielzeit 2012/2013

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