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Kultur und Anspruch im TV - UNISONO.co.at

Thema

Weggezappt und abgedreht

Es ist doch immer wieder schön, wenn man Zeit hat ein bisschen vor der Glotze abzuhängen. Überhaupt in der kalten Jahreszeit! Außerdem haben viele TV-Sender ja den berühmten Bildungsauftrag, der besagt auch anspruchsvolle Formate und Kultur in ihr Programm aufzunehmen. So sollte man meinen! Also habe ich mich mal auf die Suche nach Kultur und Anspruch in unserem guten (heimischen) öffentlich rechtlichen Fernsehen gemacht. Damit die Sache nicht so aussieht, als würde ich mich einzig dem Staatsfernsehen widmen, habe ich auch noch unsere österreichischen Privatsender meinem „Monitoring“ unterzogen. Und die Bilanz ist furchtbar!

Auf KANAL2 waren gerade die neuesten Nachrichten über unsere „integeren Politiker“ quasi „im Bild“ zu sehen. Es folgen ein erster Werbeblock und dann das Wetter. Na ja, ein Blick aus dem Fenster zeigt mir das auch! Dann folgt ein Gesellschaftmagazin, das mir seit 25 Jahren auf die Nerven geht. Ich riskiere einen Seitenblick auf meinen Vater. Aha, eingeschlafen! Kein Wunder, leiden doch die Selbstdarsteller in besagtem Society-Magazin fast alle unter monotonem Sprechdurchfall! Ah, endlich! Es beginnt das Hauptabendprogramm! Eine bundesweit „grassierende“ Kuppelshow. Die erste „heiratswillige“ Kandidatin ist Frau Helmtrud Zwitzklitschek, 72 Jahre jung und aus Wien-Meidling (Anm. d. Red.: Name frei erfunden.). Sie sucht für sich und ihren Rauhaardackel „Burli“ ein männliches Wesen, das Nichtraucher und Nichttrinker ist und möglichst viel Ähnlichkeit mit Christian Kohlund hat. Ein Wunsch, der ihr bestenfalls auf dem Mond in Erfüllung gehen wird. Dort passt auch ihr Body-Mass-Index. Denk ich mir und schalte auf KANALeins.

Wie schön, eine aufgeschnittene Leiche! Alles klar! „CSI Stinkenbrunn“! Ich zappe weiter, bevor mir das Abendessen aus dem Gesicht fällt! Auf AuTV vergewaltigt ein mittlerweile im gesamten deutschsprachigen Fernsehen bekannter Baumeister die Mattscheibe beziehungsweise den Flatscreen. Und ich hab wieder kein Speibsackerl (Anm. d. Red.: Für unsere deutschen Leser „Kotztüte“.) zur Hand. Bei AuTV2 suchen „Blödi“, „Trotti“, „Scheißi“ und „Hirnederl“ in einer Reality-Soap ihre „Party-Prinzessin“, und geben im Kollektiv ihre Hirnflatulenzen zum Besten. Na also! Da haben wir die Erklärung für das Abschneiden von Österreichs Jugend bei den PISA-Tests! Auf PLUS4 führt mich „Dr. House“ durch sein Spital und erzählt mir die Krankengeschichten seiner Patienten. Dafür brauch ich kein TV-Gerät! Beim neuen Kultur und Doku-Sender KANAL III sollte jedoch etwas laufen. Ah, ja! Eine Aufzeichnung aus den Wiener Kammerspielen, mit längst verstorbenen Künstlern. Nicht schlecht, vom Krankenhaus mit seinen Krankengeschichten direkt in die Gruft!

Jetzt reicht’s, denk ich mir und flüchte auf einen deutschen Spartensender. „Hitlers Österreich“ von Guido Knopp. Sicher interessant, wenn auch ein sehr ernstes Thema! Als ich bei den Bildern vom Heldenplatz genauer hinsehe, entdecke ich aber plötzlich bekannte Gesichter. Es sind die Urgroßeltern von „Blödi“, „Trotti“, „Scheißi“ und „Hirnederl“, jenen „Zukunftshoffnungen“ aus der Reality-Show auf AuTV2. Und diese Uropas und Uromas heben dort emsig die Hand zum deutschen Gruß. Okay, Blödheit ist eben doch erblich!

Als ich mich nach diesem Streifzug durch Kultur und Bildungsauftrag im Fernsehen dazu entschließe, abends darauf in die Volksoper zu flüchten, bin ich beruhigt. Eine lustige und intelligente Inszenierung einer Operette. Endlich in Sicherheit! Na ja, fast! Als ich mich umdrehe, sitzt im Publikum der Fernseh-Baumeister zwei Reihen hinter mir. Nebst über 50 Jahre jüngerer Freundin. Hätte ich Augen im Hinterkopf, wäre ich jetzt wirklich eine arme Sau! Oder? (pa)

Beitrag: Dezember 2012

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