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Fidelio - UNISONO.co.at

Volksoper

Fidelio

Wieder einmal bringt die Volksoper eines der großen Werke der Opernliteratur auf die Bühne.

Wer kennt nicht die Geschichte von Leonore, die als Mann verkleidet in dem Gefängnis, wo sie ihren eingekerkerten Mann vermutet, Arbeit gesucht hat, ihn schlussendlich auch dort findet und befreien kann. Ihr Gatte Florestan wird nämlich von Pizarro, dem Gouverneur dieses Gefängnisses dort gefangen gehalten, da er kompromittierende Enthüllungen Florestans fürchtet. Aber schließlich gelingt es Leonore, ihren Gatten vor der Rache Pizarros zu retten und ein nicht näher bezeichneter Minister erscheint gerade im rechten Augenblick und alle Gefangenen - so auch Florestan - werden offenbar im Rahmen einer Generalamnestie befreit.

Drängen sich da nicht unwillkürlich etliche Parallelen zu aktuellen Ereignissen auf. Wenn heute von wem immer Missstände aufgezeigt werden, gilt zuerst einmal die „Unschuldsvermutung“ und nicht selten werden die Aufdecker selbst zu Verfolgten.

Aber lassen wir erst einmal aktuelle Ereignisse aus Wirtschaft und Politik beiseite und erfreuen wir uns an der unvergleichlich schönen Musik Beethovens, am Gefangenenchor, den wunderbaren Arien sowie an dem grandiosen Finale der Oper.

Dass eine Frau als Mann verkleidet als solche wohl vom Publikum, nicht aber von den Partnern auf der Bühne erkannt wird, kennen wir ja aus vielen Opern. Und wenn am Beginn des zweiten Aktes ein meistens nicht gerade schlanker Tenor im Scheinwerferkegel auf der Bühne mit kräftiger Stimme
„Gott, welch Dunkel hier“ singt, obwohl er doch schon ewig bei Wasser und Brot eingekerkert und dem Sterben nahe ist, so sind wir trotzdem ergriffen und zu Tränen gerührt.

Wussten sie übrigens, dass Leonore mit Familiennamen Florestan heißt? In der 2. Szene des 2. Aktes bittet nämlich Florestan
„schickt nach Sevilla, fragt nach Leonore Florestan“ Und Florestan selber, hat er keinen Vornamen? Warum spricht ihn seine Gattin stets mit dem Familiennamen an? Aber das sind nur Details und wir wollen es den Protagonisten diese Werkes gleich tun und „namenlose Freude“ mit dem empfinden, der ein solch „holdes Weib errungen“ hat.

Wenn man das Libretto - in der Letzfassung von Georg Friedrich Treitschke - genau durchliest, findet man noch einige andere interessante Stellen, die zum Nachdenken anregen. So erzählt uns Pizarro in seiner großen Arie („Ha! Welch ein Augenblick!“), dass er Florestan in Ketten gelegt habe, weil er ihn vor dem Minister enthüllen wollte und etwas später singt er: „Nun ist es mir geworden, den Mörder selbst zu morden“. Wir wollen hoffen, dass an Florestens Händen kein Blut klebt, obwohl - Beethoven stand ja noch unter dem Eindruck der französischen Revolution - Revolutionen leider nicht immer unblutig ablaufen. Opernkenner werden bei dieser Arie die musikalische Nähe zur Rachearie der Königin der Nacht aus der Zauberflöte bemerken, Beethoven war ja ein großer Bewunderer Mozarts.

Und noch etwas gibt zu Denken. Im 2. Akt im Kerker, als Leonore wegen der Dunkelheit noch nicht erkennen kann, ob der Gefangene ihr Gatte ist oder nicht, sagt sie „Wer du auch seist, ich will dich retten“. Hier offenbart sich der Idealismus Beethovens: Es ist nicht nur die Gattin, die den Gatten befreien will, es ist die utopische Hoffnung, ganz allgemein Unterdrückung und Knechtschaft zu beenden.

Offen bleibt natürlich die Frage, was Leonore getan hätte, wenn nicht im rechten Augenblick das Trompetensignal, das die Ankunft des Ministers ankündigt, ertönt wäre. Sie bedroht ja Pizarro mit einer Pistole, um ihn von der Ermordung Florestans abzuhalten. Hätte sie geschossen? Hat sie das Recht, selbst zu töten, um einen Mord zu verhindern? Aber glücklicherweise enthebt uns die Ankunft des Ministers dieser ins Philosophische gehenden Frage.

In der Urfassung hieß die Oper noch „Leonore“ und Beethoven hatte 3 verschiedenen Ouvertüren zu diesem Werk komponiert, bevor er die endgültige Fidelio-Ouvertüre verfasste. Da sich Leonore als Mann „Fidelio“ nennt (Abgeleitet vom Lateinischen: fidelis = treu, zuverlässig.), wurde dies schließlich auch der endgültige Titel der Oper.

Wie bereits angedeutet wurde, hat der Stoff dieses Werkes zu vielerlei Interpretationen geführt. Das von Beethoven als „Rettungs- und Befreiungsoper“ gedachte Werk, dem angeblich eine wahre Geschichte zugrunde liegen soll, wurde zumeist gespielt, um politische Unterdrückung anzuprangern bzw. die wiedergewonnene Freiheit zu feiern. In Wien wurde beispielsweise die 1945 zerbombte Staatsoper im Jahre 1955 mit Fidelio feierlich wiedereröffnet und damit auch die wiedergewonnene Unabhängigkeit nach dem Abzug der letzten Besatzungssoldaten gefeiert. Aber so wie bei den meisten Werke der Weltliteratur haben viele Regisseure und Regisseurinnen dieses Werk gebraucht - und manchmal auch missbraucht - um unterschiedliche Auffassungen und Deutungen zu zeigen.

Die nun vorliegende Neueinstudierung an der Volksoper in der Regie von Markus Bothe (wir kennen ihn ja von der Inszenierung von „Sophie’s Choice“ im Jahr 2005) vermeidet dankenswerter Weise eine krampfhafte Aktualisierung sondern zeigt eher die dünne Grenze zwischen der idyllischen privaten Welt von Rocco, Marzelline und Jacquino und dem Bereich der Unterdrückung und Gefangenschaft. Wenn am Schluss nach der Befreiung der Gefangenen jedoch alle in ein gleichförmiges Grau gekleidet sind, fragen wir uns, ist die utopische Idee Beethovens von der Freiheit realistisch oder bedeutet nicht auch das freie Leben in der Gemeinschaft Zwänge und Einschränkungen.

Das Bühnenbild von Robert Schweer zeigt uns anfangs die trügerische Idylle einer heilen Welt, gefolgt im 2. Akt von einer eindrucksvollen Kerkerszene. Unter dem Dirigat von Julia Jones, die wir ja von vielen Abenden an der Staats- und Volksoper kennen, bot das Volksopernorchester eine beeindruckende Leistung und ließ Beethovens Musik in leuchtenden Farben erstrahlen.

Und da wären wir auch schon bei den Solisten dieser Premiere. Beethoven hat es ja den Sängern nicht leicht gemacht, da er wenig Rücksicht auf die gesangstechnischen Möglichkeiten der menschlichen Stimme nahm und von den Sängern Höchstleistungen fordert.

Als Titelheldin der Oper gab die junge amerikanische dramatische Sopranistin Marcy Stonikas ihr Europadebut. Um es kurz zu sagen: Sie kam, sang und siegte. Mit ihrer leicht dunkel timbrierten Stimme bewältigte sie ihre große Arie im ersten Akt ohne jede Schwierigkeit und war auch im Duett des zweiten Aktes und im Finale voll präsent. Der Heldentenor Roy Cornelius Smith, der uns noch von der Turandot-Premiere im Jahr 2006 in bester Erinnerung ist, bot einen eindrucksvoll gestalteten Florestan, wobei sowohl die dramatischen als auch die lyrischen Momente voll zur Geltung kamen. Die junge Texanerin Rebecca Nelsen, die ja bereits seit der Saison 2008/09 regelmäßiger Gast an der Volksoper ist, gab eine quirlige Marzelline, die sowohl mit ihrer Arie als auch in den Ensembles brillierte. Marzellines Vater, den Kerkermeister Rocco sang Stefan Cerny mit gewaltigem dunklen Bass und warum Marzelline partout nichts von dem von Thomas Paul gesungenen Jaquino wissen will, ist nicht recht zu verstehen, denn der junge österreichische Sänger schaut nicht nur gut aus sondern hat auch einen angenehmen hellen und technisch gut geführten Tenor.

Ein weiterer Star des Abends war Sebastian Holecek, der als Pizarro eine großartige Leistung bot, wenn er mit drohend gewaltiger Stimme mit viel Ausdruck und Differenzierung einen Bösewicht par excellene auf dieBühne stellte. Herr Holecek, der bisher ja schon einige Male den Don Fernando darstellte, hat mit dem Pizarro sicherlich eine neue Paraderolle gefunden. In der undankbaren Rolle des Ministers Don Fernando war Günter Haumer zu hören und nicht zuletzt fielen auch Otoniel Gonzaga und Woo-Chul Eun als 1. und 2. Gefangener positiv auf. Erwähnt muss auch noch der Volksopernchor werden, der unter der Einstudierung von Thomas Böttcher nicht nur hervorragend sang, sondern sich auch im Spiel gut in die Inszenierung einfügte.

Großen Applaus gab es für die Solisten, Chor und Orchester, das Regieteam traf nicht auf ungeteilte Zustimmung, aber bei einem Werk, das so viele Deutungen zulässt, gibt es natürlich immer verschiedene Meinungen und Ansichten. Alles in Allem sind wir froh, dass im Repertoire der Volksoper nun auch dieses Meisterwerk der Opernliteratur vertreten ist.
(zdi)

Premiere: Spielzeit 2013/2014

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