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Daniel Johannsen

Zur Person

Von Bach bis Britten

Die Volksoper bringt anlässlich des 100. Geburtstages Benjamin Brittens Oper Albert Herring zur Aufführung, eine heitere Kammeroper, zu der Eric John Crozier das Libretto nach einer Erzählung von Guy de Maupassant geschrieben hat.

Die Rolle des Albert Herring wird u. a. von
Daniel Johannsen verkörpert. Ich hatte die Gelegenheit, den Sänger nach einer Probe zu treffen und das folgende Gespräch mit ihm zu führen:

Herr Johannsen, Sie kommen gerade von einer Probe für die Oper Albert Herring, in der Sie die Titelrolle verkörpern. Lassen Sie uns einen Blick hinter die Kulissen tun, wie verläuft die Probenarbeit?

Spaßig und intensiv - damit könnte man die Probenarbeit mit der unglaublich charismatischen Brigitte Fassbaender wohl am besten beschreiben. Intensiv v. a. deshalb, weil Brittens Musik von A bis Z ein Ensemblestück ist; das Motto der Drei Musketiere („Einer für alle, alle für einen“) gilt hier wirklich vollumfänglich: man ist seinen Kollegen gegenüber total verantwortlich für die musikalischen Übergänge und Stichwörter, weil man sie selber auch so dringend von ihnen benötigt. Bevor man sich also an die „schwere Kunst“ heranwagen kann, diese köstliche und tiefgründige Komödie leichtfüßig zum Leben zu erwecken, muss die musikalische Grundlage stimmen, sonst ist es nicht zu schaffen … Unsere Regisseurin, aus der ein unermesslicher Erfahrungsschatz jahrzehntelanger Bühnentätigkeit sprudelt, arbeitet ganz präzise mit uns. Streng fordert sie das disziplinierte „Was“ ein (also etwa genau „getimte“ Scherze und Reaktionen), aber das „Wie“ überlässt sie unserer Imagination und Fantasie in einem ziemlich großen Maße. Nach dem kleinteiligen Arbeiten geht es jetzt in die Durchläufe, damit die Sache immer geschmeidiger und selbstverständlicher wird.

Sie gehören ja zu den gefragtesten Evangelisten und Bach-Interpreten Ihrer Generation und sind Preisträger des Bach-, Schumann-, Mozart-, Hilde-Zadek- und Wigmore-Hall-Wettbewerbs. Inwiefern haben diese Auszeichnungen Ihnen geholfen, wie haben sie Sie „beflügelt“?

Der Leipziger Bach-Wettbewerb 2002 hat v. a. mein sängerisches Selbstvertrauen sehr gestärkt; ganz abgesehen von den vielfältigen Kontakten und Engagements, die aus diesem Ereignis resultieren. Wenn man als junger „Niemand“ (ich war damals knappe 24) in einer fremden Umgebung solch eine Auszeichnung erhält, dann macht das etwas mit einem. Ähnlich erging es mir dann beim Hilde-Zadek-Wettbewerb 2003 hier in „meiner“ Stadt. Es gab (UND gibt) dann zwar noch viel zu lernen, aber der Grundtenor lautet: „Mach weiter, Du hast das Zeug dazu!“ Apropos lernen: Der Vorrat an Schumann-Liedern, den ich mir für den Zwickauer Wettbewerb 2004 sorgfältig angeeignet habe, ist noch heute ein ziemliches „Kapital“ für meine Liederabende - auch so ein schöner Begleiteffekt der Wettbewerbs-Singerei!

Ihre Auftritte als Konzert-, Lied- und Opernsänger mit Werken aller Epochen führen Sie in die großen Musikzentren Europas, Nordamerikas, Japans und des Nahen Ostens. Wie kam es zu dem Engagement in der Wiener Volksoper?

Direktor Meyer hat mich 2003 in Bad Ischl kennengelernt, wo ich als Dr. Blind in der „Fledermaus“ (Robert führte Regie und gab natürlich den Frosch) sowie mit einer weiteren kleinen Rolle im „Graf von Luxemburg“ meinen ersten Bühnensommer bestritt (immerhin 30 Abende in zwei Monaten); rund um ein informatives Vorsingen 2007 begegneten wir uns in Wien wieder – und da bot er mir den grotesk-komischen Egon von Wildenhagen im „Vetter aus Dingsda“ an, eine Rolle, in der ich mein (doch latent vorhandenes) komödiantisches Talent voll ausspielen konnte; um hingegen auch Stimme zeigen zu dürfen, war ich letzte Spielzeit als Tamino für eine Vorstellung zu Gast. Und im „Albert Herring“ kann ich nun sozusagen alles miteinander verbinden.

Benjamin Britten zählt ja zu den bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Sein Œuvre umfasst Orchester- und Kammermusik, vor allem aber Vokalmusik (Opern, Lieder, Kompositionen für Chor). Mit Opern wie „Tod in Venedig“, „Ein Sommernachtstraum“ „Billy Budd“ und „Peter Grimes“ hat Benjamin Britten (1913-1976) die Opernlandschaft geprägt. Wie ist Ihr Verhältnis zu Brittens Musik?

Ich liebe und verehre Britten sehr. Einerseits wusste er ganz genau, was er von der Stimme fordern kann und was in seinem ganz besonderen kompositorischen „Stil-Mix“ am besten wirkt (seinem musikalischen Lebenspartner, den Tenor Peter Pears, schrieb er ja u. a. den Albert auf den Leib), andererseits finden sich in seiner Vokalmusik SO VIELE unterschiedliche Thematiken und Stimmungen, dass es eine Freude ist, sich ihnen zu widmen - ob nun im Opern-, Konzert- oder natürlich ganz besonders in seinem (mehrsprachigen!) Liedschaffen. Es ist faszinierend, wie belesen Britten war, weshalb er sich eigentlich nur hervorragende Dichter oder Literaturvorlagen wählte. Seine Librettisten setzten diese hochkarätigen Stoffe (im Falle des „Herring“ ja ein Stück von Maupassant) wiederum glänzend um. Ja … und ich mag einfach seinen Klang, wie unterschiedlich er auch oft sein mag (etwa im direkten Vergleich seiner „sparsamen“ Kirchenparablen mit der großen Sinfonik des „War Requiem“ oder des „Billy Budd“). Und wie „wissend“ er komponierte! Dieses Hineinflechten von musikalischen Reverenzen und situationsbedingt urkomischen Zitaten (etwa von Wagner) - einfach großartig. Das kundige Ohr hat seine helle Freude!

Und nun nochmals zu Albert Herring - was ist das Besondere an dieser Rolle?

Sie bietet (und fordert) ganz viele Charakterschattierungen. Im Gegensatz zu den ziemlich „erstarrten Gesellschaftstypen“, die Eric Crozier und Britten mit Figuren wie etwa Lady Billows, Pfarrer Gedge oder der Hausdame Florence genüsslich aufs Korn nehmen (wiewohl sich da natürlich auch reiche Gestaltungsmöglichkeiten bieten), kann der nach außen hin einfältige Ladenjunge Albert im Laufe seiner Emanzipations-Geschichte nahezu jeden Seelenzustand streifen: Vom frustrierten „Unter-Mutters-Fuchtel-Stehen“ über Sehnsucht, Eifersucht, Betretenheit, Betrunkenheit, Zorn und Panik bis hin zur Waghalsigkeit und Überlegenheit. Was kann sich ein Darsteller denn Schöneres wünschen, zumal die wunderbar passende Musik gleich mitgeliefert wird!

Sie selbst sind ja - obwohl in Wien geboren - einem kleinen Ort im Burgenland aufgewachsen …

(unterbricht) Einem Ort, der mit dem Handlungsschauplatz Loxford so manche Ähnlichkeit aufweist, finde ich; Britten kam ja selbst so richtig aus der Provinz, nämlich genau aus jener Gegend Südostenglands, in der „Albert Herring“ spielt …

Genau … Wie kam es dazu, dass Sie die Sängerkarriere einschlugen?

Also, DASS ich Musiker wurde, stand nie außer Zweifel. Meine Eltern - selbst große Musikliebhaber, die meinen Geschwistern und mir das gemeinsame Singen sehr ans Herz legten - haben mich hier von Anfang an unglaublich unterstützt. Wer mich kennt, weiß, dass ich aus einem evangelischen Pfarrhaus stamme und mich die Kirchenmusik daher primär geprägt hat; kein Wunder also, dass ich zunächst den Weg des Organisten und Chorleiters anstrebte. Meine Umgebung an der Kirchenmusikabteilung der Wiener Musikuni (allen voran meine zuerst Stimmbildungs- und dann Gesangslehrerin Margit Klaushofer) hat mich aber relativ bald „mit der Nase draufgestoßen“, was eigentlich meine Berufung sein sollte. Und so wurde ich zum Sänger, auch zum Lied- und Opernsänger, wobei mein Repertoireschwerpunkt auch heute noch in der „Musica Sacra“ liegt, ganz besonders natürlich bei „meinem“ Bach.

Die Bandbreite ihrer Auftritte reicht ja von der Musik des Barock bis zur Moderne. Welche Epoche, welches Genre lieben Sie besonders?

Sie, Herr Zdiarsky, haben mich ja anlässlich eines Schubert-Ensembleabends kennengelernt, den mein Lehrer und lieber Freund Robert Holl rund um seinen 60er im Konzerthaus veranstaltete. Somit haben Sie mich gleich mit einer rechten „Herzensmusik“ erlebt, die mir sehr, sehr viel bedeutet. Die kleine Form mit ihren ganz großen Ausdrucksmöglichkeiten: das ist es vielleicht, was mich am meisten fasziniert - ob nun als Monodie des Frühbarock (etwa von Schütz und Monteverdi), ob nun als Bachsches Evangelistenrezitativ, als barockes Arienjuwel oder als romantisches Klavierlied. Mit allen Ausflügen in die große Sinfonik, versteht sich ...

Lieber Herr Johannsen, danke für dieses Gespräch. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und würde mich freuen, Sie bald wieder an der Volksoper zu hören.
(zdi)

Beitrag: Spielzeit 2013/2014

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