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Albert Herring - UNISONO.co.at

Volksoper

„Jetzt bin ich alt, …

… und schuld sind alle anderen!“ Ein Satz, der mir sehr häufig einfällt, wenn ich auf der Straße in die Gesichter so mancher meiner Mitmenschen schaue. Grantig und bitter gehen sie durchs Leben. Kein freundliches Lächeln und keine positive Ausstrahlung. Und die gesamte Umgebung wird als feindselig wahrgenommen. Stattdessen wird mangelnder Respekt moniert und über freizügige Bekleidung gelästert. Und überhaupt dieser Sittenverfall!

Aber der Ort um den es in Benjamin Brittens Oper „Albert Herring“ geht, ist nicht Wien, sondern die fiktive englische Kleinstadt Loxford. „Lady Billows“ (exzellent Barbara Schneider-Hofstetter) ist eine herrische, besserwisserische ältere Frau, der als Opfer von Zeit und Schwerkraft, nur mehr ihre Tätigkeit bei den Honoratioren (Anm. Standespersonen in einem kleinen Ort.) ihrer Gemeinde geblieben ist. Neuestes Projekt zur Selbstdarstellung ist die Wahl einer „Maikönigin“. Im Kreise von Lady Billows Kollegen wird nun nach einer geeigneten Kandidatin gesucht. Wobei jeder Vorschlag eine Diskussion über moralisches und tugendhaftes Verhalten auslöst. Im Klartext: Wer ein aufrechtes Liebesleben pflegt, scheidet automatisch aus. Also entscheidet man sich für eine unübliche Wahl: „Albert Herring“ (sensationell Sebastian Kohlhepp). Das Preisgeld kann sich durchaus sehen lassen: 20 Pfund in Gold und ein Sparbuch mit fünf Pfund! Albert Herring selbst ist über seine Wahl wohl am wenigsten beglückt. Denn seinen tugendhaften Lebenswandel verdankt der junge Mann seiner ihn mit vermeintlicher Liebe erdrückenden Mutter (Anm. d. Red.: Tja, so ist das mit der Damenwelt. Die eine Hälfte deines Lebens fragt dich deine Mutter: „Wo gehst du hin?“ Die andere Hälfte deines Lebens fragt dich deine Frau: „Wo kommst du her?“).

Als Albert dann auch noch von den Festgästen betrunken gemacht wird und darauf um die Häuser zieht, spitzt sich die Lage in der bigotten Gemeinde zu. Denn als man seine Maikönigskrone auf der Straße findet, hält ihn das ganze Dorf für tot. Noch während des Wehklagens der Bewohner von Loxford, taucht der angeblich Tote jedoch wieder auf. Statt Erleichterung darüber, dass Albert noch lebt, erntet dieser jedoch nur Vorwürfe (Anm. d. Red.: Na ja, wie im richtigen Leben!).

Regisseurin Brigitte Fassbaender zeichnet ein wunderbares Sittenbild über Heuchelei, Spießbürgermoral und Bigotterie. Der „Misfits“-Faktor (Anm.: Unangepasst.) wird gekonnt durch die Schablonen-Bühnenbilder (Männern und Frauen wird jeweils eine Schablone zugedacht!) unterstrichen. Die Botschaft kommt eindeutig rüber: Jeder erfüllt seine ihm von der Gesellschaft zugedachte Rolle! Barbara Schneider-Hofstetter singt und spielt herrlich authentisch die von Altersprüderie und falschem Verständnis von Tugendhaftigkeit gegeißelte Partie der „Lady Billows“. Morten Frank Larsen gibt einen stimmgewaltigen und witzigen Pfarrer „Mr. Gedge“, Martina Mikelic ist als „Florence Pike“ stimmlich und darstellerisch grandios und Daniel Ochoa überzeugt als Metzgerbursche „Sid“ ebenfalls durch erstklassigen Gesang und große Spielfreude. Abgerundet wird das Ensemble auch noch durch eine reizende Dorottya Láng als Bäckerstochter „Nancy“, einem stimmschönen Jeffrey Treganza als „Bürgermeister“ und einer bis zur Unkenntlichkeit geschminkten Elvira Soukop, die die Mutter Albert Herrings gibt.

Fazit: Eine genial witzige Satire, welche durch das Dirigat von Gerrit Prießnitz und dem Orchester der Volksoper Wien die enorme Bandbreite des Hauses erneut unter Beweis stellt. Der Denkanstoß, welchen uns diese Oper dabei gibt, ist eindeutig: Tugendhaftigkeit muss neu definiert werden. Und Jugendlichkeit sollte keine Sache des Geburtsdatums sein! (pa)

Premiere: Spielzeit 2013/2014

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